Immunsystem sicher im Griff?
Prof. Dr. med. Lutz Fricke, Transplantationszentrum Lübeck

Die Organtransplantation ist heute für viele Krankheiten mit terminalem Organversagen die Therapie der Wahl. Wenn über den Erfolg einer Transplantation gesprochen wird, wird dieser auch heute immer noch damit verbunden, dass es gelungen ist, die Abstoßung des Fremdorgans zu verhindern. In der Tat war dies auch früher das "Wunder in der Transplantationsmedizin", wenn ein Mensch mit dem fremden Organ eines anderen wie ein Gesunder weiterleben konnte. Der Begriff "Wunder" hatte auch durchaus seine Berechtigung, denn lange Zeit war gar nicht so recht bekannt, was man mit den Medikamenten eigentlich unterdrückte und/oder welche immunologische Barriere man eigentlich durchbrach. Heute ist vieles klarer, die immunologische Kaskade ist weitgehend analysiert, die verbliebenen Schwachstellen sind identifiziert und therapeutische Strategien werden gezielt eingesetzt. Das ist auch der Grund, warum das frühere Gespenst "Abstoßung" heute eher ein "zahnloser Tiger" geworden ist. Haben wir damit aber dieses klassische Problem der Transplantationsmedizin vollends im Griff? Natürlich nicht, aber andere Probleme haben längst die Oberhand gewonnen. Dazu gehören u.a. Faktoren wie erhöhtes Spenderalter, lange Ischämiezeiten mit dem damit verbundenen Reperfusionsschaden, ein schlecht kontrollierter arterieller Hypertonus und/oder eine Fettstoffwechselstörung des Transplantatempfängers. Letztlich mündet die Summe derartiger Risikofaktoren in den Zustand der chronischen Transplantatdysfunktion (früher chronische Abstoßung genannt) mit deutlich verkürzter Organüberlebenszeit.

Unter der gegenwärtig meist verwendeten Standardim­munsuppression aus Ciclosporin A (CsA), Mycophenolsäure (MMF) und Kortikoiden liegt die Trans­plantatüberlebensrate bei über 90 % im ersten Jahr und bei 70 % nach 5 Jahren. Akute Absto­ßungsreaktionen (AR) stellen dabei immer noch die häufigste Kom­plikation im 1. Jahr nach Transplantation dar, führen aber nur noch in Ausnahmefällen zum Transplantatver­lust. Aber: Akute und chronische Abstoßungen sind die Hauptfaktoren, die die Langzeit-Transplantat­überlebensrate negativ beeinflussen.

Heute sind wir in der bevorzugten Situation, dass wir für fast jedes Basisimmunsuppressivum ein weitgehend gleichwertiges Alternativpräparat zur Verfügung haben, das wir je nach individueller Verträglichkeit bzw. Toxizität einsetzen können: für Ciclosporin z.B. Tacrolimus, für MMF die sog. enteric coated Formulierung (Myfortic), für Sirolimus Everolimus etc.. Auch die Therapie der akuten Rejektionen hat bemerkenswerte Fortschritte gemacht, geeignete Therapien für chronische Rejektionen hingegen stehen uns der­zeit noch nicht zur Verfügung. Zusammenfassend ist man geneigt die Frage zu bejahen, ob die moderne Pharmakotherapie das Immunsystem sicher im Griff hat, gelöst sind damit viele andere Probleme in der Transplantationsmedizin aber (noch) nicht.

  12.10.2005