|
Non-Compliance nach Lungentransplantation Prävalenz, Determinanten, und interventionelle Ansätze
Christiane Kugler, Stefan Fischer, Andre Simon,
Axel Haverich, Martin Strüber
Die Ergebnisse nach Organtransplantation konnten in den letzten zwei Jahrzehnten für alle Organbereiche wesentlich gesteigert werden. Erfolge sind auf optimierte immunsuppressive Schemata, chirurgische Techniken, sowie verbesserte Aspekte der Patientenführung zurückzuführen und resultieren in steigenden Langzeit- Überlebensraten, und einer verbesserten Lebensqualität für den Einzelnen. Die Transplantationsergebnisse werden wesentlich durch Compliance, also die aktive Bereitschaft und Fähigkeit des Patienten, die notwendigen therapeutischen Schemata mit zu tragen, beeinflusst. Die Prävalenz für Non-Compliance bezüglich der Einnahme der immunsuppressiven Medikation schwankt im internationalen Vergleich zwischen 2-37%. Non-Compliance resultiert in einem erhöhten Risiko für spät akute Abstoßungsepisoden (>3 Monate nach Tx), erhöhten Mortalitätsraten, gesteigerten Gesundheitskosten bei gleichzeitig reduzierter Lebensqualität. In einer Querschnittsstudie an 287 Patienten nach Lungentransplantation (LTx) wurde das Problem der Non-Compliance, mögliche beeinflussende Faktoren, sowie die Konsequenzen hinsichtlich spät akuten Abstoßungen, Bronchiolitis obliterans Syndrom (BOS), Infektionen, sowie der resultierenden Lebensqualität untersucht. Dazu wurden nach Aufklärung und schriftlichem Einverständnis zwei Fragebogeninstrumente an die Patienten ausgegeben. Die Administration erfolgte über eine Person, welche nicht dem Transplantationsteam angehörte, für die Patienten also „neutral“ war. Die Rückgabe der Fragebögen erfolgte alternativ über frankierte Rückumschläge oder eine kenntlich gemach-te Box im Wartebereich der Ambulanzräume. Die Rücklaufquote betrug 93 %. Funktionale Parameter (Abstoßung, BOS, Infektionen) wurden den Patientenakten entnommen. Die Stichprobe verteilte sich auf 158 Männer (55,4 %) und 129 Frauen (44,6%) bei einem mittleren Alter von 44,5 Jahren und einer Altersspanne zwischen 18 und 67 Jahren. Der Hauptanteil der Patienten hatte sich einer Doppel- Lungentransplantation unterziehen müssen. Der Zeitpunkt der Transplantation lag 3 Monate (Einschluss) bis 16 Jahre zurück. Die Prävalenz der Non-Compliance lag bei 13,4 %hinsichtlich der regelmäßigen Einnahme der Immunsuppressiva, und bei 56,8 % bezüglich der pünktlichen Einnahme der Immunsuppressiva für das abgefragte Zeitfenster der letzten 14 Tage. Über so genannte „Drug holidays“ (ausgelassene Dosen) berichten 4,2 % der Patienten im benannten Zeitraum. Patienten, welche sich selbst Non-Compliance Verhalten bescheinigen, berichten über signifikant mehr Schwierigkeiten mit der Behandlung (p<0,0001) im Vergleich zu denjenigen Patienten, die keine oder wenig Probleme haben. Symptomwahrnehmungen infolge Nebenwirkungen der Medikamente sind mit negativ Compliance assoziiert (p < 0,006). Tremor (70 %) und Hirsutismus (68 %) sind Symptome, welche bei den Patienten am häufigsten auftreten. Veränderungen des äußeren Erscheinungsbildes, wie das Cushing- Syndrom (38,6 %) und Adipositas (31,9 %) bereiten den Patienten den stärksten Distress. Jüngere (≤ 40; p < 0,001) und weibliche Patienten (p < 0,0001) fühlen sich besonders stark beeinflusst. Als weitere Symptomwahrnehmungen beeinflussende Faktoren konnten niedrige Bildung, die Zeit seit Transplantation, die Transplantationsart, sowie die zugrunde liegende Diagnose identifiziert werden.
Nebenwirkungen der Medikamente führten zu einer Beeinträchtigung der physischen (p < 0,0001); psychischen (p < 0,001), und sozialen (p < 0,006) Dimension der Lebensqualität. Die von den Patienten berichteten Aktivitäten, um beeinträchtigende Nebenwirkungen der Medikamente zu reduzieren waren das „Verschieben der Einnahmezeiten“ (29,9 %), das „Auslassen einer Dosis“ (8,0 %), sowie das „Reduzieren einer Dosis“ (9,0 %). Non-Compliance war assoziiert mit dem Auftreten von spät akuten Abstoßungen (p < 0,011) BOS (p < 0,022), und Infektionen (p < 0,035).
Non-Compliance konnte als relevantes Problem in der bisher größten Stichprobe bei Patienten nach Lungentransplantation eliminiert wer-den, die Ergebnisse decken sich mit Daten aus anderen Organbereichen. Non-Compliance wird multifaktoriell beeinflusst. Interventionelle Ansätze sollten daher kognitive und Verhaltensstrategien fokussieren und miteinander verknüpfen. Hohe Symptomwahrnehmungen durch Nebenwirkungen der Medikamente stellen einen im klinischen Alltag einfach „messbaren“ Indikator für potentielle Non-Compliance dar und können die Lebensqualität und damit den Langzeiterfolg der Transplantation für den Einzelnen beeinträchtigen.
Kugler, Christiane, PhD, Gottlieb, Jens* MD, Fischer, Stefan MD, MSc, Welte, Tobias* MD, Goerler, Heidi MD, Simon, Andre MD, Hecker, Hartmut**, PhD, Haverich, Axel MD, Strueber, Martin MD
Thorakales Transplantationsprogramm Hannover
* Abteilung Pneumologie ** Abteilung Biometrie, Medizinische Hochschule Hannover Carl-Neuberg-Str.1 30 625 Hannover
|