Seelische Prozesse bei der Verarbeitung einer Herztransplantation

Wolfgang Albert

Das Herz ist ein emotional hoch besetztes Organ, um das sich vielfältige Phantasien, Erwartungen und Ängste ranken. Bei einer so schweren Herzerkrankung, die eine Transplanation erforderlich macht, erleiden die Patienten neben der physischen Bedrohung eine tiefgreifende Verletzung ihrer Identität, psychologisch formuliert ihres „Selbst“. Bereits Monate vor der Transplantation beginnen die seelischen Prozesse, die sich mit dem Austausch ihres kranken Herzens gegen ein vitales und ein langes Leben versprechende Herz beschäftigen und dabei tauchen Wiedergeburts-phantasien im Wechsel mit der unmittelbaren Bedrohung durch den eigenen Tod auf. Nach der Herztransplantation (HTx) muss das neue Organ in die eigene Psyche eingegliedert werden und dies erfolgt schrittweise und in Abhängigkeit von der Persönlichkeit des Patienten. Das neue Herz wird zunehmend vom „lieben Gast im Selbst“ zu einem selbstverständlichen Teil des eigenen Körpers/ der Seele. Diese Integrationsprozesse, bei denen das „Fremde zum Eigenen“ wird sind sehr komplex und gelingen nur selten vollständig, womit nicht selten seelische bzw. psychosomatische Störungen verbunden sind. Jede neuerliche Erkrankung (z.B. Infektionen, Abstoßungen etc.) rufen Erinnerungen wach und auch kritische Lebensereignisse wie neue Partnerschaften/ Trennungen oder berufliche Schwierigkeiten reaktualisieren das Thema Herztransplantation.

Dr. med. Dipl.-Psych. Wolfgang Albert
Oberarzt am Deutschen Herzzentrum Berlin, Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums des DHZB, Arztpraxis für Psychosomatik, Facharzt für Allgemeinmedizin und psychosomatische Medizin, Psychotherapie und Psychoanalyse, Augustenburger Platz 1, D-13353 Berlin
E-mail: albert@dhzb.de
    19.10.2006